Gewalt gegen Frauen – Alltag in allen Gesellschaften

Die Redner der Podiumsdiskussion Bild vergrößern (© Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl)

Aus Anlass des Internationalen Tages zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen hat die Botschaft beim Hl. Stuhl am 23. November einen Diskussionsabend unter dem Leitspruch „Normale Gewalt? – Frauen auf der Flucht vor Gewalt“ organisiert. Der Erzbischof und Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Mons. Vincenzo Paglia, diskutierte mit Vertretern der Zivilgesellschaft aus Deutschland (Karin Nordmeyer, UN WOMEN; Annemarie Pitzl, Solwodi) und Italien (Monica Attias, Sant‘ Egidio; Francesca Cocchi, European Women’s Lobby). Mit Kurzvorträgen führten die Vertreterinnen der Zivilgesellschaft in unterschiedliche Aspekte von Gewalt gegen Frauen ein: vom Menschenhandel in Nigeria über Zwangsprostitution in Deutschland zu Gewalttaten in Italien und den Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft zur Bewältigung des Problems.

In der von Bettina Gabbe geleiteten anschließenden Diskussion betonte Erzbischof Paglia die Anstrengungen der Kirche gegenüber der Gesellschaft zur Verhinderung von häuslicher Gewalt. Eine der Hauptursachen für die grassierende Gewalt gegenüber Frauen, so Paglia, liege dabei in der zunehmenden Unfähigkeit der Menschen heutzutage in einer Partnerschaft zu leben. Die individualisierte Gesellschaft, in der sich jeder nur noch um sich selbst kümmere, sei mitverantwortlich für Gewalttaten. Auch Papst Franziskus engagiert sich insoweit für dieses Thema und ordnete bei der Neugliederung der Akademie für das Leben ausdrücklich an, dass nicht nur Abtreibung und Euthanasie im Blick sein sollen, sondern alle Formen, in denen menschliches Leben in Gefahr ist, unterdrückt, ausgebeutet oder marginalisiert wird; also bei illegalem Organhandel, Menschenhandel, Prostitution, modernen Formen von Sklaverei.  

Im Anschluss an die Diskussion wurde die Dokumentation „Unter aller Augen“ (2017) von Claudia Schmid gezeigt. Der Film zeigt auf, wie tagtäglich Gewalttaten an Frauen verübt werden, die häufig deshalb übersehen werden, weil niemand genauer hinschaut. Das Risiko für eine Frau, Opfer eines Übergriffs zu werden, ist ungleich höher als bei Männern - egal ob sie in Europa, Asien oder Afrika leben. Mancherorts erleben 70% aller Frauen mindestens einmal im Leben physische oder sexuelle Gewalt. In einem Großteil der Fälle ist der Täter dabei der eigene Partner, der sich durch eine unabhängige Frau bedroht fühlt. Filmemacherin Claudia Schmid nähert sich dieser erschreckenden Statistik auf menschliche Weise und spricht mit Frauen, die sich gegen ihre Opferrolle gewehrt haben und von ihren schrecklichen Erfahrungen erzählen.

Erzbischof Vincenzo Paglia Bild vergrößern (© Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl)

Hintergrund:

Gewalt gegen Frauen ist allgegenwärtig und weltweit eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen. In Europa erlebt jede vierte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt durch den eigenen Partner. Wenngleich es einige gesellschaftliche Gruppen gibt, die besonders gefährdet für Beziehungsgewalt sind, hat häusliche Gewalt gegen Frauen – entgegen vieler Vorurteile - nichts mit Herkunft, Bildung oder Einkommen der Betroffenen zu tun. In Deutschland haben 35 % aller Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Jedes Jahr sterben ca. 200 Frauen in Deutschland an den Folgen häuslicher Gewalt.

UN Women unterstützt zwischenstaatliche Institutionen bei der Formulierung von globalen Standards und Normen zur Erreichung von Gleichberechtigung von Frauen. Frau Nordmeyer, Vorsitzende des deutschen Komitees von UN Women, setzt sich seit Jahrzehnten gegen die Benachteiligung von Frauen und Mädchen weltweit ein. Als Expertin für Genderpolitik war sie lange Zeit im Europarat tätig und wirkte mit an der Istanbul-Konvention, dem Übereinkommen gegen Menschenhandel und gegen Gewalt an Frauen.

SOLWODI ist eine Nichtregierungsorganisation, die gegen Prostitution kämpft und Prostituierten neben psychosozialer Betreuung auch gesundheitliche Aufklärung, juristische Beratung und Berufsausbildungen ermöglicht. In Deutschland engagiert sich SOLWODI vor allem für Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution, Beziehungsgewalt und Zwangsheirat. Die Sozialpädagogin Sr. Annemarie Pitzl gehört seit vorigem Jahr zum Leitungsteam von SOLWODI und soll auf Dauer der Gründerin, Sr. Lea Ackermann, als Leiterin nachfolgen. Sie berichtete über die Zustände in deutschen Bordellen: Die Großzahl der dort arbeitenden Prostituierten wird aus dem Ausland nach Deutschland „importiert“, mit Wucherpreisen ausgebeutet und oft regelrecht gefangen gehalten.

Sant’Egidio ist eine geistliche Laienorganisation, die u.a. in der Betreuung von Alten, Kranken und Armen in Rom, in der Betreuung von Sinti und Roma, von ohne Dokumenten in der Illegalität lebenden Migranten und von Flüchtlingen aus (Bürger-)Kriegsgebieten tätig ist. Die Gemeinschaft hat zur Aufnahme von Flüchtlingen in verschiedenen europäischen Staaten sog. „humanitäre Korridore“ geschaffen. Bei der Arbeit mit Flüchtlingen werden die Angehörigen immer wieder auch mit Opfern von Menschenhandel und mit sexueller Gewalt gegen Frauen auf der Flucht konfrontiert. Monika Attias beschäftigt sich innerhalb der Laienorganisation mit Frauenhandel und Würde von Migrantinnen und reist in zahlreiche Länder, um durch Vorträge und Gespräche mit Regierungen auf die Situation der Frauen aufmerksam zu machen

Die European Women’s Lobby (EWL) setzt sich seit über 25 Jahren für die Rechte von Frauen ein. Auf europäischer Ebene wird sie als Lobby-Gruppe in Brüssel und den Hauptstädten tätig. Sie setzt sich für Gleichberechtigung und die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen ein. Sie agiert als Intermediator zwischen Organisationen und politischen Institutionen. Francesca Romana Cocchi hat den Schwerpunkt ihrer Arbeit innerhalb der LEF-Italia auf die Abschaffung von Prostitution gelegt. Sie berichtete uns von den Problemen, die die halb-legale Situation der Prositution in Italien schafft: zwar ist Prostitution nicht erlaubt, gleichzeitig jedoch auch nicht verboten. Frau Cocchi bezeichnet das Rotlichtmilieu als “Gipfel der Gewalt gegen Frauen” und fordert, wie auch SOLWODI, ein „Sexkaufverbot“ nach dem sogenannten „schwedischen“ oder „französischem“ Model. Dieses legt den Fokus auf die „Nachfrager“ und kriminalisiert somit die Sexkäufer, was ein gesellschaftliches Umdenken zur Folge haben soll.